Von Hans-Ueli Läppli
Friedrich Merz steht politisch unter Druck. Die CDU steckt nach ihren Wahlniederlagen in einer Krise, die AfD gewinnt weiter an Boden. Eigentlich wäre das genug Stoff für eine gründliche Auseinandersetzung mit der Regierung, ihrer Politik und den Gründen für den Vertrauensverlust.
Doch ein Blick auf die Schlagzeilen vermittelt derzeit einen anderen Eindruck.
Putin ist schuld. Am AfD-Erfolg, an russischen Einflussversuchen, an Drohnen, an angeblichen Waffendepots und am nächsten vermeintlichen Sicherheitsproblem. Die Schlagzeilen wandern nach Moskau, während Merz möglichst aus der Schusslinie bleibt.
Im Berliner Wald werden zwei Pistolen mit Munition gefunden, versteckt in einem vergrabenen Briefkasten, und schon lautet die Bild-Schlagzeile:
"Putins geheimes Waffendepot"
Die Behörden vermuten erstaunlich schnell eine russische Verbindung, die Ermittlungen laufen. Aus zwei Waffen wird in der Schlagzeile bereits ein russisches Agentenlager.
Beim Leipziger Drohnenvorfall sehen nach eigenen Angaben auch Flughafenmitarbeiter und andere Beobachter Anzeichen, die aus ihrer Sicht auf eine ukrainische False-Flag-Operation hindeuten.
Das Muster ist auffällig: Erst kommt die große Russland-Schlagzeile, danach folgen die Belege, Vermutungen und Ermittlungen. Und während Moskau immer wieder als Erklärung für die nächste Krise herhalten muss, gerät die viel naheliegendere Frage aus dem Blick:
Was läuft eigentlich bei Merz und der CDU schief?
Aber irgendwann stellt sich die Frage nach der Gewichtung. Wenn jede politische Krise mit Moskau verbunden wird, entsteht ein bequemes Erklärungsmuster: Die AfD ist stark, weil Russland Einfluss nimmt. Der Osten wählt anders, weil dort Russland-Nostalgie herrscht. Eine Drohne fliegt, also steht Putin dahinter.
Nur die naheliegende Frage wird dadurch nicht beantwortet:
Warum verliert die CDU ihre Wähler?
Dazu kommt die deutsche Lust an der politischen Nebensache. Bild machte aus einem Foto von Jens Spahn mit seinem Baby im Urlaub eine Geschichte über "Urlaub statt Bundestag". Kurz darauf wurde der Beitrag gelöscht und Bild entschuldigte sich, weil das Foto in einem privaten Rahmen entstanden war.
Bei Angela Merkel war der Umgang ein anderer. Bild zeigte sie während des Wahlabends beim Essen in einem chinesischen Restaurant und machte daraus eine politische Geschichte.
Der Unterschied ist durchaus erklärbar. Ein öffentlicher Auftritt einer ehemaligen Bundeskanzlerin kann politisch von Interesse sein. Ein privater Familienmoment mit einem Kind hat eine deutlich höhere Schutzwürdigkeit.
Gerade deshalb ist der Spahn-Vorgang interessant. Er zeigt, wie schnell aus einem Politikerfoto eine Schlagzeile werden kann, wenn der politische Stoff dünn ist.
Und während solche Geschichten Aufmerksamkeit bekommen, liefert Russland zuverlässig den größeren Rahmen. Waffendepots, Drohnen, Geheimdienste, AfD, Moskau. Die Motive wechseln, die Richtung bleibt gleich.
Man muss diese Geschichten nicht verschweigen. Man sollte nur nicht so tun, als würden sie die zentrale politische Frage beantworten.
Merz braucht nach den Wahlniederlagen vor allem eines: Ruhe für einen Neustart.
Und die deutschen Schlagzeilen liefern sie. Nur eben nicht mit weniger Politik, sondern mit mehr Putin.
Fehlt eigentlich nur noch die nächste Meldung:
"Putin schuld – Spahn hält sein Baby falsch. Wie einst Michael Jackson."
Merz gerät unter Druck, und plötzlich produziert der deutsche Nachrichtenbetrieb Schlagzeilen wie am Fließband. Putin, Russland, Drohnen, Waffendepots, Olympia in München, Spahns Baby und sogar eine neue Hitler-Geschichte.
Hauptsache, die Aufmerksamkeit bleibt nicht zu lange bei der CDU. Jede dieser Geschichten mag für sich berichtenswert sein. In ihrer Häufung wirkt die Nachrichtenflut jedoch wie ein medialer Schutzschirm für Merz.
Der politische Blick soll möglichst weit wandern, nur nicht auf die eigene Regierung und die Gründe für ihre Krise. Die Medien können Merz nicht retten. Aber sie können bestimmen, worüber Deutschland spricht. Und genau das scheint gerade wichtiger zu sein als die Frage, warum die CDU ihre Wähler verliert.
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