AfD: Verteidigungspolitischer Sprecher fordert Wehrpflicht zur Abschreckung Russlands

Dass die AfD grundsätzlich die Wiedereinführung der Wehrpflicht befürwortet, ist bekannt. Allerdings wollte sie diese Pläne in jüngster Zeit angesichts des Ukraine-Krieges nach hinten verschieben. Doch nun fordert der AfD-Bundestagsabgeordnete Jan Nolte die Rückkehr zur Wehrpflicht als Maßnahme zur Abschreckung Russlands.

Eine Analyse von Astrid Sigena

Eigentlich sah es so aus, als sei in Bezug auf die Wehrpflichtdebatte der AfD Ruhe bei Partei und Fraktion eingekehrt. Bei grundsätzlicher Bejahung einer Wehrpflicht war man sich einig geworden, angesichts des andauernden Ukraine-Krieges und der zunehmenden gegen Russland gerichteten Kriegstüchtigkeitstendenzen der Bundesregierung das Projekt erst einmal zurückzustellen. Zumal man sich ja derzeit ohnehin noch in der Opposition befindet.

Doch nun eröffnete Jan Nolte, ein hessischer Bundestagsabgeordneter der AfD, erneut den Disput. In einem am Donnerstag in der Berliner Zeitung veröffentlichten Gastbeitrag unter dem Titel "Die Freiheit verteidigt sich nicht von selbst" lieferte der frühere Oberbootsmann der Bundeswehr ein leidenschaftliches Plädoyer für die Wiederaktivierung der Wehrpflicht.

Nolte ist nicht irgendein Hinterbänkler, sondern als langjähriger Abgeordneter ein prominentes Gesicht der Bundestags-AfD. Seit der Ablösung des transatlantischen Hardliners Rüdiger Lucassen im April 2026 fungiert er als Verteidigungspolitischer Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion und vertritt als Obmann die Interessen seiner Fraktion im Verteidigungsausschuss des Bundestages.

Dass jemand mit diesem Hintergrund für die Wehrpflicht argumentiert, dürfte nicht weiter erstaunen. Auffällig ist allerdings, welche Argumente Nolte in seinem Artikel zur Hilfe nimmt. Demnach bedürfe die Bundesrepublik der Wiedereinführung der Wehrpflicht, um über eine starke Reserve zur Abschreckung Russlands zu verfügen.

Die Argumentation überrascht, denn Nolte gibt selbst zu, dass "die Notwendigkeit militärischer Stärke" nicht mit einem kurz bevorstehenden Angriff Russlands auf die NATO-Staaten zu begründen sei. Der Verteidigungspolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion verweist hierbei auf den NATO-Oberfehlshaber Alexus Grynkewich. Der US-amerikanische SACEUR hält einen solchen Angriff für unwahrscheinlich.

Dennoch richtet Nolte sein Plädoyer für die Wehrpflicht und eine größere Anzahl bundesdeutscher Reservisten an Russland aus. Der AfD-Verteidigungspolitiker hält es für wahrscheinlich, dass hybride Maßnahmen Russlands zunehmen könnten. Das höchstwahrscheinliche Ausblieben eines russischen konventionellen Angriffs sei kein Grund dafür, militärisch die Hände in den Schoß zu legen. Vielmehr benötige Deutschland fähige Streitkräfte, die zu einer glaubhaften Abschreckung in der Lage seien.

Auch abgesehen von der Behauptung möglicher hybrider Angriffe Russlands bezieht sich Nolte in seiner Argumentation auf den Ukraine-Krieg. Ziel der militärischen Verteidiger Deutschlands müsse es sein, "Zivilisten vor schlimmen Schicksalen zu bewahren, wie sie sich im Ukraine-Krieg regelmäßig beobachten lassen".

Deutschland müsse seine Menschen "vor Gewalt und Fremdbestimmung" schützen können. Angesichts der geografischen Lage Deutschlands sei ein Überfall eines Nachbarlandes zwar nicht zu erwarten. Es gehe aber um die Verteidigung von Demokratie und Rechtsstaat.

Dass man die Bildung einer Reserve in Deutschland vernachlässigt und die Wehrpflicht ausgesetzt habe, wirke rückblickend naiv, so Nolte. Man habe die Vorbereitung auf "einen großen konventionellen Krieg" in den Hintergrund gedrängt und stattdessen die Bundeswehr auf Auslandseinsätze vorbereitet.

Auch die bisher vorgesehene Anzahl von 200.000 Reservisten für die Bundeswehr würde im Ernstfall nicht ausreichen. Dies hätten die Erfahrungen des Ukraine-Krieges gezeigt. Deutschland habe in einem ähnlichen Szenario mit 1.000 Verlusten täglich zu rechnen, die entsprechend ausgeglichen werden müssten. Da aber nicht davon auszugehen sei, dass sich genügend Freiwillige zum Wehrdienst meldeten, müsse die BRD die Wehrpflicht reaktivieren.

Allerdings will Nolte das Recht auf Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen nicht einschränken. Angesichts der wenig verlockenden Aussichten eines täglichen Szenarios von 1.000 Gefallenen und Verwundeten im Kriegsfall dürften viele junge Männer im Zweifelsfall den Zivildienst – und sei er noch so unangenehm – vorziehen. Der AfD-Politiker lässt folglich offen, woher er – abgesehen von Appellen an den Verteidigungswillen der Deutschen – genügend Reservisten bekommen will.

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